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Wohnen mit Bits und Bytes


Trendlabor
Vor 10 Jahren kam Michael Crichtons "Enthüllung" in die Kinos. Der Film erzählt eine Geschichte von Sex und Mobbing in einer Computerfirma. Um sich gegen die Vorwürfe seiner Vorgesetzten zu wehren, muss der von Michael Douglas gespielte Held in eine Datenbank einbrechen.
Michael Douglas tat das mit Hilfe eines Supercomputers, der in der "virtuellen Realität" eine Datenbank projiziert, in der Douglas mit 3-D-Handschuhen wühlen kann. Dabei sitzt die Hilfefunktion des Computers in Form eines kleinen Engels auf seiner Schulter und quatscht ununterbrochen. Freilich gibt dieser Engel auch den entscheidenden Tipp. Was vor 10 Jahren eine dröge inszenierte Geschichte mit einem Schlag Sciencefiction aufpeppte, könnte bald zum Alltag des fortschrittlichen Medienkonsumenten werden. Dieser nennt einen Homeserver sein Eigen, ein mächtiges Gerät, das Gigabyte von Daten speichern kann: die Musik aller Familienmitglieder, Fotosammlungen und Zeitschriftenclips, Dutzende von Filme, dazu die Mitschnitte aktueller Fernsehsendungen. Das alles hat auf einem Homeserver Platz. Solche Allesspeicher haben nichts mehr mit einem hässlichen PC gemein und fügen sich vorzüglich in eine Wohngemeinschaft mit LCD-Schirm und Surround-Boxen ein. Die nicht nur das Wohnzimmer mit digitalem Stoff versorgen, sondern als richtige Server ein ganzes Haus über ein drahtloses Netzwerk bedienen können. Die gerade mitgeschnittenen Nachrichten zeitversetzt zur Rasur ins Badezimmer? Bitte sehr. Ein süßes Kinderfoto für den Versand auf Omas Handy bereitstellen? Kein Problem. Kein Problem?
   
"Lebst du noch oder guckst du schon", so könnte man die CeBIT anno 2004 zusammenfassen, die sich voll und ganz der "digitalen Konvergenz" verschrieben hatte, dem Zusammenwachsen von Computertechnik und Unterhaltungselektronik. Ausgerechnet Microsoft hatte sich mit Ikea verbandelt und in einer Halle Wohnwelten voller "Hometechnik" installiert. Weil Hewlett-Packard die CeBIT-Teilnahme absagte, bekam Microsoft ein Areal, das Ikea möblierte und von Firmen wie Samsung, JVC oder eben Sony zur Demonstration der neuen Wohnqualität benutzt wurde. Microsoft selber war eher unsichtbar: Die Firma will die Software verkaufen, die die Server steuert, die verschiedenen Dateien abspielt und die Rechte prüft, ob Musik und Bild von fremden Anbietern korrekt erworben sind. So konnten Besucher bewundern, wie die Musikanlage von JVC den Zuhörer ortete und die Beschallung optimal regelte, wenn die Position im Raum geändert wurde. Sie konnten sich mit der Bildschirmbrille von Leadtek amüsieren, die ein Fernsehbild tragbar vor die Augen des mobilen Hausbewohners projizierte. Inmitten von Billy, Klippan und Torge, begleitet vom Blinken des Activity Centers von Fujitsu Siemens, der Avantia-Landschaft von Lenovo oder dem umgehängten Network Walkman von Sony, regten sich bei dem staunenden Betrachter der neuen Wohnwelt leise Zweifel. Ein vorführender Student hantierte gleichzeitig mit drei Fernbedienungen und insgesamt 75 Knöpfchen. Etliche Homeserver müssen über eine Tastatur gewartet werden: So ganz lässt sich der PC nicht verbergen. Wer mit den Geräten gekonnt umgehen will, darf das Haus nicht mehr verlassen. Wie zum Hohn wirkte da der Besuch des Hausroboters "Qrio" von Sony auf dem Stand, reagierte dieser doch auf ein paar gesprochene Worte. "Zeichne die Tagesschau auf, wenn ich nicht da bin", möchte man dem Knirps zurufen, statt sich auf der "persönlichen Website" des Homeservers durch die Menübäume zu hangeln.
   
Doch wo das Unglück droht, ist Hilfe nah. Der gute Geist des Hauses ist im Kommen: Das Engelchen als Hilfefunktion, das in "Enthüllung" den Sucher zur Datenbank führt, ist wieder da. Es steht als "Avatar" im Homeserver bereit, den Anwender durch das Gestrüpp der Filme, Fotos und Musik zu führen, das sich schnell auf einem Rechner bildet, der von der ganzen Familie benutzt wird. Avatare (indisch: Verkörperung einer Gottheit auf Erden) sind mitlernende Computerprogramme, die meistens von hübsch gemachten Figuren am Bildschirm repräsentiert werden. Wird eine Fernsehserie zur Aufzeichnung markiert, so sollen automatisch die künftigen Folgen mitgespeichert und die älteste Folge ebenso automatisch gelöscht werden. Die Software soll so schlau sein, dass sie automatisch alle Gangsterfilme der 40er und 50er markiert oder beim DVD-Versand von T-Online oder Arcor automatisch ordert, wenn mehrmals solche Filme gewählt worden sind. Ähnliches gilt für die Top Ten der Woche, die automatisch in das Zimmer des Nachwuchses übertragen werden. Nun sind die Homeserver mit Preisen ab 5000 Euro nicht eben billig. So mancher mag sich fragen, ob die Verschmelzung von Computer und Unterhaltung wirklich so viel wert ist, zumal die Nachteile der Computerei gleich mit eingekauft werden. Kommt ein Computervirus per Mail ins Haus, muss womöglich der ganze Server entfloht werden. So fällt der Einstieg in die große Verschmelzung vielleicht viel unscheinbarer aus, als dies die hübschen Wohnlandschaften auf der CeBIT suggerierten. Ein Beispiel dafür mögen die SynMaster-Monitore von Samsung sein, die unter 1000 Euro liegen. Sie sehen wie ein Arbeitsplatz-LCD aus, sind unter der Hand jedoch veritable Fernsehgeräte mit eingebauter Tunertechnik. Wer arbeitet, kann zwischendurch umschalten. Schrittweise geht es weiter, bis das Engelchen winkt.

© new-econ
Fotos: Soul Pix / Nokia

   
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