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Höhle mietfrei gesucht


Schon unsere allerersten Vorfahren hatten das Bedürfnis nach einem Dach über dem Kopf. Dieser Urtrieb ist uns bis heute erhalten geblieben, denn nach wie vor ist der Besitz der eigenen vier Wände ein Hauptbestreben im Leben.
Unsere frühesten Ahnen streiften als Jäger und Sammler auf der Suche nach Nahrung ständig umher. An ihren Lagerplätzen errichteten sie notdürftige Wind- und Regenschutzwände sowie Dächer aus Zweigen und Blättern. Die kalten Winter verbrachten sie in natürlichen Höhlen. Hier konnten einerseits lebenswichtige Vorräte aufbewahrt werden, andererseits bot eine Höhle Schutz vor wilden Tieren, vor der Witterung und auch vor kriegerischen Artgenossen. Als das erste Ausschmücken einer Wohnstatt mögen wohl die magisch-kultischen Höhlenmalereien gelten. In Regionen, die solche naturgegebenen Behausungen nicht boten, fing der Mensch schon sehr früh an, sich Erdlöcher zu graben und sie mit Häuten und Fellen als „Wohnraum“ auszustatten. Mit der Entwicklung der ersten Werkzeuge und der Nutzbarmachung des Feuers konnte der Homo sapiens nun Baumstämme zum Hüttenbau bearbeiten. Durch Nachahmung verbreiteten sich einmal erworbene Fähigkeiten wie das Errichten von Schlaf- und Schutzbehausungen rasch von Sippe zu Sippe.
   
Im Frühneolithikum (5600 – 4900 v.Chr.) entwickelte sich in Nordeuropa die erste Bauernkultur – der Mensch des Nordens war sesshaft geworden. Feste und dauerhafte Behausungen entstanden in Flecht- oder Palisadenbauweise. Beim Flechtbau wurden dünne, biegsame Zweige horizontal um dicke vertikale Äste geflochten. Die fertigen Flechtwände spannte man zwischen bearbeitete eingegrabene Pfosten und stopfte die Ritzen mit Moos und Laub, später mit Lehm zu. Auf die gleiche Art verfuhr man mit den Dächern, die zusätzlich mit Grassoden gegen Regen abgedichtet wurden. Genau betrachtet sind dies die Frühformen des Fachwerkbaues. Ein Palisadenbau bestand aus gespaltenen Bohlen, die aufrecht tief in die Erde eingegraben oder –gerammt wurden. Diese Bauform war schon wesentlich stabiler und bot zudem deutlich besseren Schutz. Auf ähnliche Weise wurden auch die Pfahlbauten errichtet, die man in Nordeuropa ab dem Jungneolithikum (4400 – 3400 v.Chr.) an Seeufern oder in Mooren findet.
   
Dass eine größere Gemeinschaft auch größeren Schutz nach außen bedeutet, war den Menschen schon sehr früh bewusst. Die ersten Siedlungen entstanden meist in Rundform an erhöhten Stellen in der Nähe von Gewässern, nach außen durch hohe Palisadenzäune oder dicht verflochtene Hecken geschützt. Erst mit dem Einzug der Römer vor 2000 Jahren setzte sich auch in Nordeuropa die wesentlich dauer- und wehrhaftere Steinbauweise durch, die frühere Hochkulturen wie etwa die Ägypter schon seit über 5000 Jahren nutzten. Das bis heute gebräuchliche Wort „Architekt“ stammt aus dem Griechischen und kommt von „archi-tekton“, der „Ur-Schaffende“, wie die Griechen ihre Baumeister bezeichneten. Auch das Wort „bauen“ hat einen alten Ursprung: Im Althochdeutschen hieß „buan“ bleiben, sich aufhalten. Und so war mit der Bezeichnung „Bauer“ im ursprünglichen Sinn der Mensch gemeint, der dauerhaft an einem Ort lebte, also sesshaft war.
   
Das Bauen erfüllt in erster Linie damals wie heute das angeborene menschliche Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz, idealerweise in einer Gemeinschaft. Wo auch immer Menschen lebten, gab es Spuren von Zelten, Hütten und Häusern. Neben dem Schutzbedürfnis entwickelten sich aber auch geistige und seelische Bedürfnisse. Ihre Behausungen trennen die Menschen von der sie umgebenden Umwelt und verändern diese. Hof, Dorf und Stadt sind künstliche Außenräume – in Gemeinschaftsarbeit geschaffene menschliche Dimensionen. Mit der Entwicklung des Menschen und der Ausprägung von umfassenderen hierarchischen Strukturen wächst auch das Bedürfnis, Macht- und Besitzverhältnisse in baulicher Form zu verdeutlichen. Ein weiterer, wesentlicher Antrieb entstand schon sehr früh aus religiösen Bedürfnissen: Ihrem Stellenwert gemäß sind Sakralbauten in allen Kulturen prächtiger und dauerhafter gebaut als die Behausungen der Sterblichen.
   
Die Entwicklung des Menschen ist von Expansion gekennzeichnet. Die großen Völkerwanderungen, kriegerische Eroberungen und Entdeckungen von bislang unbekannten Kontinenten erweitern unaufhaltsam den kulturellen und räumlichen Horizont. Auch in der Baukunst vollzieht sich nach und nach der Wandel vom rein zweckmäßigen zum individuell gestalteten Wohnumfeld. Mit dem Anwachsen von Städten und Wohlstand ist es nicht mehr nur der herrschenden Schicht vorbehalten, zu zeigen, was man hat. Mit der Erfindung der Dampfmaschine und der folgenden industriellen Revolution vollziehen sich in kurzer Zeit enorme technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen, die sich auch im Wohnungsbau niederschlagen. Massenwohnsiedlungen werden für die Arbeiter der unzähligen neuen Fabriken aus dem Boden gestampft. Ganz groß war damals der Wunsch nach dem eigenen Häuschen im Grünen, dem Leben in Natur und frischer Luft. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Menschliches Bauen ist gefragt und die eigene „Höhle“ oberstes Lebensziel.

© bs@new-econ.de
Abbildung: Dieter Spannknebel


Original-Ansicht des Artikels aus AM SONNENPLATZ Ausgabe 4/2004 (PDF)

   
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